Erzählt von Cristóbal Díaz

Geburtsland: Mexiko

Geburtsjahr: 1975

Vorgeschichte: Brutaler Schläger, verurteilter Straftäter

MEINE VERGANGENHEIT

Ich wurde in San Juan Chancalaito geboren, einem kleinen Ort im Bundesstaat Chiapas in Mexiko. Meine Familie gehört zu den Chol, einem Volksstamm der Maya. Meine Eltern hatten zwölf Kinder, ich war das fünfte. Als ich ein Kind war, studierten Jehovas Zeugen mit meinen Geschwistern und mir die Bibel. Leider hielt ich mich als junger Mensch nicht an das, was ich aus der Bibel lernte.

Mit 13 nahm ich Drogen und bestahl andere. Ich ging von Zuhause weg und wurde ein Herumtreiber. Im Alter von 16 Jahren fing ich an, auf einer Marihuana-Plantage zu arbeiten. Es verging ein Jahr. Eines Nachts, als wir gerade eine große Lieferung Marihuana mit dem Boot transportierten, wurden wir von schwer bewaffneten Männern eines rivalisierenden Drogenkartells angegriffen. Ich sprang in den Fluss und schwamm stromabwärts. So entkam ich ihrem Kugelhagel. Kurz danach floh ich in die Vereinigten Staaten.

Dort machte ich mit dem Drogenhandel weiter und geriet in immer größere Schwierigkeiten. Mit 19 wurde ich festgenommen und wegen Raubüberfalls und versuchter Tötung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im Gefängnis schloss ich mich einer Gang an und beging weitere Gewalttaten. Schließlich wurde ich in ein Hochsicherheitsgefängnis nach Lewisburg (Pennsylvania) verlegt.

In dem Gefängnis in Lewisburg wurde mein Verhalten noch schlimmer. Durch meine Gang-Tattoos bekam ich schnell Anschluss zu den Gang-Mitgliedern, die dort einsaßen. Ich wurde immer brutaler und geriet ständig in Schlägereien. Einmal war ich in einen Bandenkrieg im Gefängnishof verwickelt. Wir kämpften erbittert — mit Baseballschlägern und Hanteln. Um den Kampf zu beenden, setzten die Gefängniswärter Tränengas ein. Danach ließ mich die Gefängnisleitung in eine spezielle Einrichtung mit verschärften Haftbedingungen für gefährliche Insassen bringen. Ich war total aggressiv und ließ mir von niemandem etwas sagen. Ich hatte kein Problem damit, andere zusammenzuschlagen. Es gefiel mir sogar. Ich hatte kein schlechtes Gewissen.

WIE DIE BIBEL MEIN LEBEN VERÄNDERT HAT

In dieser Einrichtung musste ich fast den gesamten Tag in meiner Zelle verbringen. Um mir die Zeit zu vertreiben, fing ich an die Bibel zu lesen. Eines Tages gab mir eine Wärterin das Buch Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben* Während ich dieses Buch las, erinnerte ich mich an viele Dinge, die ich als Kind gelernt hatte, als Jehovas Zeugen mit mir die Bibel studierten. Schon bald wurde mir bewusst, wie tief ich aufgrund meiner gewalttätigen Art gesunken war. Ich musste auch an meine Familie denken. Da zwei meiner Schwestern Zeuginnen Jehovas geworden waren, ging mir ein Gedanke durch den Kopf: „Sie haben die Aussicht, für immer zu leben.“ Dann fragte ich mich: „Und was ist mit mir?“ Das war der Wendepunkt in meinem Leben. Ich war fest entschlossen, mich zu ändern.

Mir war jedoch klar, dass ich Hilfe brauchte, wenn ich mich ändern wollte. Als Erstes betete ich zu Jehova und flehte ihn an, mir zu helfen. Als Nächstes schrieb ich an das Zweigbüro von Jehovas Zeugen in den Vereinigten Staaten und fragte nach einem Bibelstudium. Das Zweigbüro bat eine nahe gelegene Versammlung von Jehovas Zeugen, Kontakt zu mir aufzunehmen. Zu der Zeit durfte ich außer meiner Familie keine Besucher empfangen. Deswegen begann ein Zeuge Jehovas aus der Versammlung, mir ermunternde Briefe und biblische Literatur zu senden. Das verstärkte meinen Wunsch, mich zu ändern.

Einen entscheidenden Fortschritt machte ich, als ich beschloss, die Gang zu verlassen, zu der ich viele Jahre gehört hatte. Der Anführer der Gang war in derselben Einrichtung wie ich. Während eines Hofgangs ging ich auf ihn zu und erzählte ihm von meinem Entschluss, ein Zeuge Jehovas zu werden. Zu meiner Überraschung antwortete er mir: „Wenn du dir sicher bist, mach’s. Mit Gott leg ich mich nicht an. Aber wenn du nur aus der Gang willst — du weißt, was das bedeutet.“

Während der folgenden zwei Jahre bemerkte das Gefängnispersonal die Veränderungen meiner Persönlichkeit. Sie behandelten mich schließlich freundlicher. Sie legten mir zum Beispiel keine Handschellen mehr an, wenn sie mich von meiner Zelle zum Duschen brachten. Einer der Wärter kam zu mir und motivierte mich, weiter an mir zu arbeiten. Die Gefängnisleitung verlegte mich sogar in ein Camp mit minimalen Sicherheitsvorkehrungen außerhalb der Gefängnismauern. Hier verbrachte ich mein letztes Jahr als Gefangener. Nach zehn Jahren Haft wurde ich im Jahr 2004 entlassen und mit einem Gefangenentransport nach Mexiko gebracht.

Kurz nach meiner Ankunft in Mexiko machte ich einen Königreichssaal von Jehovas Zeugen ausfindig. Bei meinem ersten Zusammenkunftsbesuch trug ich meine Gefängniskleidung — das Beste, das ich zum Anziehen hatte. Trotz meines Äußeren wurde ich von den Anwesenden herzlich begrüßt. Ich sah ihre Freundlichkeit und merkte sofort: Das sind echte Christen (Johannes 13:35). Bei dieser Zusammenkunft kümmerten sich die Ältesten darum, dass mit mir die Bibel studiert wurde. Ein Jahr später, am 3. September 2005, ließ ich mich als ein Zeuge Jehovas taufen.

Im Januar 2007 wurde ich Vollzeit-Bibellehrer. Jeden Monat verbringe ich 70 Stunden damit, anderen zu helfen die Bibel kennenzulernen. Im Jahr 2011 besuchte ich die Bibelschule für ledige Brüder (heute Schule für Königreichsverkündiger). Dank dieser Schule konnte ich meiner Verantwortung in der Versammlung noch besser nachkommen.

Heute helfe ich gern anderen, friedlich zu sein

2013 heiratete ich meine liebe Frau Pilar. Sie sagt mit einem Lächeln, dass sie sich all das, was ich erlebt habe, nur schwer vorstellen kann. Ich bin nie wieder in mein altes Verhaltensmuster zurückgefallen. Die Bibel hat die Macht, das Leben zum Guten zu verändern. Sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Davon sind wir überzeugt (Römer 12:2).

WIE DIE BIBEL MEIN LEBEN BEREICHERT HAT

In Lukas 19:10 sagt Jesus: „[Ich bin] gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren war.“ Von diesen Worten fühle ich mich direkt angesprochen. Ich komme mir jetzt nicht mehr verloren vor und verletze auch niemanden mehr. Dank der Bibel habe ich einen echten Sinn im Leben und Frieden mit anderen. Vor allem genieße ich eine enge Freundschaft zu meinem Schöpfer, Jehova.

Weitere Informationen von unserem Redakteur Franz Michael Zagler unter der Telefonnummer 0676/637 84 96.

Fotos: zVg/JZ