„Selbstversorgung muss Staatsziel werden“

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Bauernbunddirektor Paul Nemecek im Interview mit der stadtlandzeitung

Nö. Bauernbunddirektor Paul Nemecek im Gespräch über die neue Sicherheitskampagne der bäuerlichen Standesvertretung und die Lehren, die unsere Gesellschaft aus der Corona-Krise ziehen muss.

 

Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht über die Corona-Entwicklung in den Medien berichten. Wie haben Sie die Krise bis jetzt erlebt?

Zu Beginn der Krise habe ich vor allem viel Unsicherheit in der Bevölkerung erlebt. Das hat sich niemand vorstellen können, dass man in den Supermarkt geht und die Lebensmittelregale leer sind. Aber genau das ist zu Beginn der Corona-Krise passiert. Der Freitag, der 13. März, wurde zum Tag der leeren Regale. Hamsterkäufe, völlig überforderte Handelsriesen, sogar das Bundesheer hat eingreifen müssen. Und wären da nicht unsere heimischen Bäuerinnen und Bauern gewesen, die sofort für Nachschub gesorgt haben, wären die Regale tagelang, wenn nicht wochenlang leer geblieben. Ganz Europa wurde ja von einem Tag auf den anderen heruntergefahren und zugesperrt. Und nein, es sind nicht die Handelsriesen, die für Versorgungssicherheit mit Lebensmittel sorgen. Sie stellen die Regale auf und unsere Bäuerinnen und Bauern befüllen sie.

 

Bei den Schutzmasken war es in punkto Nachschub ja immer eine Zitterpartie. Denken Sie, bei Lebensmitteln könnte es auch einmal soweit kommen?

Ich hoffe nicht, aber die Corona-Krise hat gezeigt, dass wir als Staat verwundbar geworden sind. Im Medizinbereich gab es zu wenig Medikamente, Impfstoffe und Schutzausrüstung „Made in Austria“ oder „Made in Europe“. Da war sich dann jeder Staat selbst der nächste, es wurden Flieger beschlagnahmt und Schutzmasken ausgeräumt. Im Umkehrschluss heißt das für Lebensmittel: Wenn wir in dieser Situation nicht in der Lage gewesen wären, unsere Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen, dann wäre aus der Corona-Krise nicht nur eine Wirtschaftskrise entstanden, sondern auch eine Hungerskrise. Damit das auch in Zukunft nicht passieren kann, müssen wir jetzt die richtigen Lehren aus der Corona-Krise ziehen.

 

Und welche Lehren, wie Sie es formulieren, wären das?

Pauschal gesagt, müssen wir die Versorgung in den systemrelevanten Bereichen sicherstellen. Das fängt an bei der Gesundheits-Versorgung, über Bargeld, Energie und geht bis zur Lebensmittelversorgung. Das ist ein Thema, das ist viel breiter als die Landwirtschaft. Dazu haben wir im Nö. Bauernbund auch eine neue Kampagne unter dem Motto „Für Dich, für Alle, für Österreich“ gestartet, wo wir die Versorgungssicherheit bewusst thematisieren.

 

Auch der Lebensmittelsektor ist vor Corona nicht gefeit, wie die Entwicklung beim Tönnies-Fleisch gezeigt hat. Müssen wir uns in Österreich auf Ähnliches einstellen?

Tönnies ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich Zentralismus und Abhängigkeit niederschlagen kann. Am Schlachthof Tönnies werden so viele Schweine geschlachtet, dass ganz Österreich von diesem einen Schlachthof versorgt werden könnte. Die Schließung dieses Schlachthofs hat in ganz Europa zu einem massiven Preisverfall am Fleischmarkt geführt. Wir arbeiten gemeinsam mit unseren bäuerlichen Erzeugergemeinschaften an nachhaltigen Lösungen zur Marktstabilisierung. Viele politische Maßnahmen werden dazu nötig sein – Stichwort Herkunftskennzeichnung, Österreich-Bonus oder ein Umdenken in der EU-Agrar- und Freihandelspolitik. Dabei ist es für uns mehr als selbstverständlich, dass das Thema Versorgungssicherheit mit heimischen Lebensmitteln ausreichend Platz in unserer Gesetzgebung – nämlich in der Verfassung – findet.

 

Warum soll die Selbstversorgung mit heimischen Lebensmitteln in die Verfassung?

Unsere Gesetze regeln viele wichtige Bereiche, die das Funktionieren unseres Staats gewährleisten. Das Thema Selbstversorgung mit Lebensmitteln hat hier einfach noch nicht den Stellenwert, den es sich verdient hat. Spätestens seit Corona ist jedem klar: Die heimischen Konsumentinnen und Konsumenten schätzen die Arbeit, die von unseren Bäuerinnen und Bauern geleistet wird. Und wir können hier keine Kompromisse eingehen. Wir dürfen diese Lebensmittelversorgung weder auf Sand bauen, noch dafür verbrannte Erde hinterlassen. Ich bin mir sicher, dass die Österreicherinnen und Österreicher ihr Rindfleisch lieber vom heimischen Bauernhof beziehen, als von brandgerodeten Regenwaldflächen aus Übersee. Oder dass unsere Erdäpfel besser aus der Weinviertler Erde kommen sollten, statt aus ägyptischem Sand.

 

Es gibt ja auch in Österreich Lebensmittel, wo die Eigenversorgung zu wünschen übriglässt und wo wir sehr abhängig sind. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Ja, zum Beispiel bei der Pute: Hier haben wir zwar die international höchsten Tierwohl-Standards, aber dafür kommt schon knapp die Hälfte des heimischen Bedarfs, also jedes zweite Kilo Putenfleisch, aus dem Ausland – weil Putenfleisch unter niedrigen Standards im Ausland eben billiger produziert werden kann. Gleichzeitig will die EU aber das Freihandelsabkommen Mercosur abschließen, obwohl wir uns zum Beispiel mit über 100 Prozent selbst mit heimischem Rindfleisch versorgen können. So etwas darf es nicht spielen. Da bin ich froh, dass wir auch Rückendeckung von unserem Bundeskanzler Sebastian Kurz bekommen haben, der auch die Einführung von CO2-Zöllen auf weitgereiste Lebensmittel fordert.

 

Beim Schweinefleisch sind wir ja in Österreich noch auf Eigenversorgungsniveau. Allerdings ist Europa stark auf Soja aus Übersee angewiesen. Wie sehen Sie dieses Thema?

Hier ist ganz klar die Europäische Union am Zug. Wenn die EU einen „Green Deal“ ernsthaft anstrebt, dann muss eine europaweite Eiweißstrategie hier wesentlicher Teil davon sein. Dass Europa seinen Eiweißbedarf selbst decken kann, ist nicht nur eine Frage der Versorgungssicherheit im Krisenfall, sondern vielmehr auch eine Notwendigkeit beim Klimaschutz. Lieber gentechnikfreien Soja direkt vor der eigenen Haustüre wissen, als auf Rohstoffe aus Übersee angewiesen sein. In unserem kleinen Österreich tragen wir schon jetzt einen maßgeblichen Teil an der europäischen Sojaproduktion bei.

 

Sie sind jetzt seit einem halben Jahr Bauernbunddirektor. Welche anderen Schwerpunkte haben Sie sich noch für Ihre Arbeit vorgenommen?

Die Selbstversorgung ist ein zentrales Thema. Dafür müssen wir auch schauen, dass die jungen Betriebsnachfolger und aktiven Bäuerinnen und Bauern eine Perspektive haben. Sie müssen wieder mehr Einkommen zum Auskommen haben. Da bin ich froh, dass auf Bundesebene hier vor kurzem ein langfristig wirksames Maßnahmenpaket beschlossen wurde, das über 400 Millionen für Entlastungen und Investitionen bringt. Es ist auch wichtig, dass wir hinsichtlich der neuen Gemeinsamen EU-Agrarpolitik und deren Finanzierung vollste Rückendeckung unseres Bundeskanzlers genießen. Damit unsere Bäuerinnen und Bauern auch in Zukunft weiter hochqualitative Lebensmittel erzeugen können, brauchen sie wirksame Werkzeuge – beispielsweise beim Pflanzenschutz. Auch hier schließt sich wieder der Kreis zur Selbstversorgung, die das oberste Ziel in unserem Land sein muss.

Foto: NÖ Bauernbund/ Philip Monihart